Biomechanik

Die natürliche – und unnatürliche Asymmetrie im Huf:

Allgemein bekannt ist die Gewichtsverteilung des Pferdes auf Vor- und Hinterhand (cirka):

      Vorhand Hinterhand
Statisch Stand   60 % 40 %
Dynamisch Schritt 4 – Takt 60 % 40 %
Dynamisch Trab 2 – Takt 50 % 50 %
Dynamisch Galopp 3 – Takt 40 % 60 %
Dynamisch Renngalopp 4 – Takt 50 – 70 % 30 – 50 %
Dynamisch Rückwärts 2 – Takt 30 – 50 % 50 – 70 %

 
Weniger bekannt, aber wichtiger zum Verstehen der Hufpflege, ist die biomechanische Belastung im einzelnen Huf! Der Huf ist das Fundament! Das auf ihm lastende Pferdegewicht, zusammen mit dem Bodengegendruck, formt ihn. Für seine individuelle Formgebung ist die Stellung der Gliedmasse verantwortlich!

 

Trotz seiner starren Erscheinung ist der Huf ein Körperteil, der sich ununterbrochen, aufgrund ständiger Belastung, mitsamt seines Volumens verformt und modelliert!

Morphologische Veränderungen resultieren aus mechanischer Belastung!

 

Die statische Belastung der Vorder- oder Hintergliedmassen:

Die dynamische Belastung der Vorder- oder Hintergliedmassen:

Wird ein Bein angehoben, ist das Pferd gezwungen, seinen Schwerpunkt zu verlagern. Das gegenüberliegende Bein übernimmt die gesamte Last.

Der Reiter nimmt diese stetige Verschiebung des Schwerpunktes als die „Schwingung des Rückens“ wahr.

Beim zu erfolgenden Ausbalancieren des Schwerpunktes wird die äussere Hufseite ca. 10 % - 20 % mehr belastet. Der zentral gelegene Schwerpunkt wandert nach aussen, und von da nach vorne zur Zehenrichtung. Diese Belastung dauert nur wenige Millisekunden!

Diese physikalische Gesetzmässigkeit der Biomechanik findet sich in der Fortbewegung bei Tier und Mensch.
Theoretische Berechnung eines belasteten Vorderbeines im Schritt:
  • Pferdegewicht 500 kg
  • Die Vordergliedmassen tragen ca. 60 % = 300 kg
  • Dynamische Belastung + 10 %

Wie sich die Belastung der äusseren Hufseite im Trab und Galopp verhält ist nicht genau bekannt. Da die Schrittfolge im Trab diagonal, im Galopp springend, erfolgt, ist jedoch mit Sicherheit anzunehmen, dass sie zum Tempo nicht linear steigt.

Erhöhter Druck (Gewicht) = erhöhter Hornabrieb!

 

Dieser Grundsatz bedeutet: Wenn ein Pferd auf der äusseren Hufseite mehr Gewicht trägt, so läuft es sich aussen mehr Horn ab.

Wieso kommen dann wild gehaltene Pferdepopulationen ohne Hufkorrekturen bestens zurecht?
- Weil die Natur intelligent ist!
- Sie kennt die natürliche Asymmetrie!
Beim Pferd mit normalen, geraden Gliedmassen, dazu darf man leicht Bodenweit, leicht Valgus (X), Kuhhessigkeit zählen, steht die innere Hufwand steiler, die äussere Hufwand flacher.

Somit ist die innere Hufseite schmaler, die äussere Hufseite breiter.


Bei einem Pferd mit tüchtigen Gliedmassen und gut ausbalancierten Hufen ist diese Asymmetrie nicht auffällig, und vom ungeübten Auge kaum wahrzunehmen!

 

 Natürliche Asymmetrie

Die Asymmetrie ist eine äusserst zweckmässige Einrichtung der Natur! Mit ihr hält sich das Pferd (Barhufpferd mit ausreichender Bewegung auf geeignetem Terrain) selbst gesund!

Die breitere, äussere Hufseite vermag mehr Gewicht zu tragen. Sie übernimmt die dynamische Belastung und gleicht den Hornabrieb zur schmaleren, inneren Hufseite aus!

Ein Barhufpferd, mit einer natürlichen Asymmetrie im Huf, besitzt somit die Fähigkeit, bei ausgewogenem Hornabrieb – und entsprechendem Hufwachstum, seine Hufe selbst auszubalancieren. Zugleich minimiert diese breitere Hufseite, im Moment der Belastungsspitze, ein einseitiges Einsinken in weichem Boden. Die natürliche Asymmetrie verhindert dadurch eine übermässige Gelenksbelastung!


Eine übermässige Asymmetrie wird verursacht durch das Kürzen der lateralen Hufwand und gefördert durch das Nutzen des Tiere ohne Hufschutz! Dadurch wird der dynamische Druck auf die Aussenseite erhöht. Die äussere, flachere Wand wird durch die nun entstandene Überbelastung weggehebelt.

Bei einem Huf mit natürlicher Asymmetrie, der sich im Gleichgewicht zwischen Wachstum und Abrieb befindet, ist ein Kürzen zur Korrektur nicht angebracht!

Vorne links Vorne links

 

Steht ein Pferd bodeneng oder varus (O) formen sich seine Hufe gegenteilig. Die äussere Hufwand wird steiler, die innere Hufwand flacher. ("Wandgänger"!)

Somit ist die innere Hufseite breiter, die äussere Hufseite schmaler.

 

 Unnatürliche Asymmetrie

Unnatürliche Asymmetrie wurde bei Wildpferde-Populationen nicht beobachtet.

Die schmalere, äussere Hufseite kann die dynamische Belastung nicht auffangen und vermag den erhöhten Hornabrieb aussen nicht auszugleichen! In weichem Boden sinkt die äussere, schmalere Hufseite mehr ein und provoziert eine übermässige Gelenksbelastung.

Pferde mit einer unnatürlichen Asymmetrie sollten, wegen dem erhöhten Abrieb aussen, keinesfalls ohne Hufschutz genutzt werden!

Vorne links Vorne links

Bei der Hufpflege ist meistens ein (leichtes) Kürzen der medialen Wand erforderlich.

Fohlen werden mit symmetrischen Hufen geboren. Mit dem ersten Belasten beginnt sich ihr Huf zu verformen – anzupassen. Der Mensch mit seinem Harmoniebedürfnis versucht das zu verhindern und strebt Symmetrie an.

Würde die traditionelle Hufbearbeitung funktionieren, hätten alle Pferde symmetrische Hufe! Nur würden diese symmetrischen Hufe – als Fundament des Pferdes – nicht unter die Gliedmassen passen...!
Ein Huf mit nicht verschobenem Kronrand, geraden und stabilen Tragewänden, parallel vom Kronrand zum Boden wachsendem Horn, ohne Wellenbildung und ohne Verfärbung ( von gelb über orange bis rot) in Sohle und Wand, kann noch so asymmetrisch sein, er wird gleichmässig belastet und passt somit unter die Gliedmasse!
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